Permalink

off

Beitrag von:
Geschrieben am: 21/04/2018

Zehn Tage in Jordanien: ohne Bier und Bohrhaken

Ich greife vorsichtig nach oben zum nächsten Griff. Schon wieder so eine sandige Leiste! Ich widerstehe dem Drang den Sand wegzuwischen – das habe ich gestern schon ohne Erfolg probiert -damit macht man den Griff nur kleiner. Da hilft nur eines: die Füße in der Verschneidung gut verspreizen, um den Griff so wenig wie möglich zu belasten. Es funktioniert und ich ziehe mich hoch. Der Riss in der Verschneidung ist nun endlich wieder breit genug um einen Friend zu setzen. Erleichtert winke ich Ben zu, der zwanzig Meter unter mir am Stand meinen Bewegungen folgt. Zwei weitere Seillängen unter ihm stehen unsere Zelte im roten Sand. Ich frag mich nochmals, ob es heute besser gewesen wäre im Camp einen Rasttag zu machen. Aber nein! Trotz sandigen Griffen und mittelmäßiger Absicherung ist diese Riss-Verscheidung zu schön, um sie mir entgehen zu lassen. Schließlich ist Jordanien nicht gerade ums Eck.

Andreas steigt die erste Länge von “The Beauty” entlang eines perfekten 30m Risses vor.

 

Wadi Rum liegt im südlichen Jordanien eine Stunde vom Roten Meer entfernt. Auf einer Fläche von 700 Quadratkilometerntürmen sich bis zu 1800 Meter hohe Berge über den Sanddünen auf. Seit Jahrmillionen haben Wind und Wetter dem Sandstein zugesetzt und so für ausgefallene Formationen gesorgt. Wir bestaunen die Ausbuchtungen, Tufas, Sanduhren und ganze Wände die aussehen, als hätte jemand Wachs darüber gegossen. Klettertechnisch ist der größte Teil dieser Wände zum Vergessen -viel zu sandig und brüchig. Aber hie und da verstecken sich in den Falten dieser Massive Risse und Verschneidungen bester Qualität.

 

Am ersten Tag muss sich Gabriel mit dem Rissklettern im Sandstein erst anfreunden. Die schöne Kletterei in der Risslänge von “Goldfinger” hilft dabei entscheidend.

 

Seit mir ein Freund Fotos vom Klettern in Wadi Rum gezeigt hat, stand für mich fest: dort muss ich auch hin. Vor ein paar Monaten habe ich meinen Kletterkollegen eine Rundmail geschickt, in der Hoffnung, dass zumindest einer zusagen würde. Überraschenderweise waren aber fast alle begeistert und schließlich sind wir zu sechst in diesem Abenteuer. Gabriel und Andreas aus Südtirol, Gregor aus Innsbruck, Ben aus England und Katrina aus den USA. Den Beduinen, der Urbevölkerung dieser Region, sind die Aufstiege zu den prominenteren Gipfeln in Wadi Rum schon seit langem bekannt. Um den begehrten Ibex zu jagen, bewältigten die Jäger lange und komplexe Aufstiege, mit Kletterpassagen bis zum vierten Grad. Das moderne Klettern fand Mitte der Achtziger Jahre Einzug in Wadi Rum. Eine Gruppe englischer Kletterer um Tony Howard eröffnete die ersten Routen der Region. In den darauffolgenden Jahrzehnten kehrte Howard mehrmals nach Wadi Rum zurück und konnte viele der schönsten Linien erstbegehen. Außerdem erstellte er den ersten und bis jetzt einzigen Kletterführer des Gebietes. Dementsprechend ist die lokale Kletterethik englisch geprägt, Bohrhaken sind verpönt und selbst Nägel findet man nur selten. Mittlerweile gibt es zwar einige Sportkletterrouten, doch selbst da sollte man meist Trad-Material mitnehmen und auf sehr weite Abstände gefasst sein.

 

Die Hängematte ist immer dabei – man weiß ja nie. Während Ben und Andreas den Abseilstand verbessern, geht sich für Katrina noch ein Nickerchen aus.

 

Die ersten Tage übernachten wir in einer einfachen Herberge imDorf Rum, der letzten Siedlung vor der Wüste. Von hier sind mehrere Klassiker zu Fuß erreichbar und wir genießen die kalte Dusche sowie die Kochkünste von Nura, der Frau des Hauses. Nach ein paar Tagen Akklimatisierung lassen wir uns von Saleem, unserem Beduinen-Freund, mit seinem Jeep zum 15 km entfernten Barrah Canyon bringen. Hier sind einige weitere Klassiker, die wir uns vorgenommen haben. Der Jeep ist randvoll bepackt mit sechs Kletterern, Klettermaterial, Schlafsäcken und Matten, Essen und 80 Litern Wasser. Mit Saleem vereinbaren wir, dass er uns in drei Tagen wieder abholen soll. Sobald er mit dem Auto hinter den Dünen verschwindet, wird es ganz still und uns wird bewusst, was es bedeutet, alleine in der Wüste zu sein.

 

Einen Vorteil hat der weiche Sandstein: Als ich mich bei einer Länge hoffnungslos verklettere und den Rückzug antreten muss, schaue ich mich vergebens nach etwas um, an dem ich mich abseilen könnte. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als bei einer Fast-Sanduhr mit dem Hammer etwas nachzuhelfen und 5 Minuten später kann ich mich an einer super Sanduhr abseilen. Ethisch nicht ganz einwandfrei, aber im Notfall hoffentlich verständlich.

 

Nach drei Tagen kommt uns Saleem wieder holen. Er hat eine Ziege dabei, die wir uns an unserem letzten Abend in der Wüste schmecken lassen wollen. Einen so direkten Einblick, wo unser Fleisch herkommt, findet man heutzutage selten. Geschickt schächtet und häutet er die Ziege. Man sieht, dass er das schon seit Kind auf macht. Wenig später brutzelt das Fleisch über der Glut und wir machen es uns drum herum gemütlich. Jeder erzählt von seinen heutigen Eindrücken und wir schmieden Pläne für morgen. Dabei wird viel diskutiert und gelacht. Ein einziger Wunsch bleibt mir noch: endlich wieder mal ein kaltes Bier genießen!

 

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com