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Geschrieben am: 20/10/2020

Xylophon – Neutour am Heiligkreuzkofel

Vor einem Monat haben Martin Dejori, Titus Prinoth und Alex Walpoth ein seit vier Jahren offenes Projekt abgeschlossen. Alex hat das Abenteuer aufgeschrieben:

Am nächsten Tag würde Giorgio Moroder auftreten und das konnten wir auf keinen Fall verpassen. Dafür mussten wir unser Projekt am Heiligkreuzkofel (Gadertal) unvollendet zurücklassen. Aber die Berge sind bekanntlich geduldig, während vom Menschen geschaffene Ereignisse meistens einzigartig sind.

Am 11. August 2016 brechen wir früh am Morgen zum Heiligkreuzkofel auf, diese majestätische kilometerbreite Felswand mit ihrer einzigartigen Dichte an schwierigsten und oft prekär abgesicherten Anstiegen. Unser Ziel ist der Wandbereich ganz links, der den 2907 Meter hohen Gipfelaufbau namens “Ciaval” bildet. George Livanos schuf hier bereits 1953 eine legendäre Route. Sein Bericht davon lässt ein großartiges Abenteuer erahnen. Dem äußerst brüchigen Gestein und anderen Widrigkeiten begegneten er und Robert Gabriel mit Gelassenheit und Ironie. So wollen auch wir an die Kletterei herangehen. Links der Livanos, da wo wir hinaufwollen, ist die Wand bei vergleichbarer Brüchigkeit noch steiler. Nach den ersten 40 Metern winkt aber schon Kalkfels allerbester Qualität. Die schwer auf den Schultern lastenden Rucksäcke lenken uns vom beschwerlichen Zustieg ab. Am Einstieg, den wir am späten Vormittag erreichen, erwartet uns eine Überraschung. Ein schöner Rucksack hängt dort in einer kleinen Nische, vollgefüllt mit Normalhaken und Seilstücken. Natürlich denken wir sofort, dass jemand die neue Route bereits begonnen hat. Erwartungsvoll legen wir unsere Köpfe tief in den Nacken, sehen aber nur blanken Felsen; keine Schlinge, keinen Haken.


Sollten wir den Rucksack also mitnehmen und dem Besitzer zurückgeben? Man kann schlecht eine Route reservieren, indem man einfach einen Rucksack unter die Wand stellt. Bevor wir uns in solchen Überlegungen vertiefen und wohl sehr schnell verlieren würden, wenden wir uns dem Klettern zu. Martin klettert los, einer Verschneidung entgegen, die nur durch arg brüchiges Gelände erreicht werden kann. Ein Kletterfluss kommt bei Martin erst gar nicht zustande, dazu ist er viel zu sehr mit dem Entfernen loser Blöcke beschäftigt. Schon bald bessert sich die Felsqualität und mit dem ersten Haken schwindet auch die Gefahr eines Sturzes mit unangenehmen Folgen. Die gelbe Wand und ein fragiler Pfeiler bilden die Verschneidung, in der Martin bedächtig nach oben spreizt. Zum Schluss quert er noch einige Meter nach rechts und schlägt zwei Haken, deren geschätzte Haltekraft den Erfordernissen eines Standplatzes entspricht. Ich steige nach und genieße die Kletterei, weil ich auch die unsicheren Griffe bedenkenlos belasten kann. Einmal mehr erstaunt mich, was alles hält. Vom Standplatz lehnt sich die Wand weit nach außen. Etwas drüber schlage ich einen weiteren Haken. Dieser bremst den folgenden Sturz, während der etwas höher geschlagene Haken den Weg nach unten zu meinem Gurt findet.

Ein paar Haken später erreiche ich einen schrägen Riss, den man gut mit Friends absichern kann. Der Fels ist nun sehr kompakt und rau und würde sehr elegante Bewegungen zulassen, wenn meine Arme bloß nicht vom Hakenschlagen so ermüdet wären. Mittlerweile ist Titus über ein fixiertes Seil zu Martin aufgestiegen. Er klettert zu mir hoch, an seinem Lächeln und konzentriertem Blick kann ich erkennen, wie sehr er sich auf die nächste Seillänge freut. Vom Stand klettert er wieder etwas zurück und überwindet einen kleinen Überhang mithilfe eines langen Zugs. Nun hängt er mit den Armen an der Kante des schmalen Absatzes, die Füße verschwinden unter dem Überhang. Unter Aufwand von viel Kraft stemmt er sich nach oben, sodass die Füße den Platz der Hände einnehmen und letztere die darüber liegende glatte Wand abtasten, auf der Suche nach kleinsten Senkungen oder Vorsprüngen des Felsens. Nachdem die Hände dürftigen Halt gefunden haben ist der Cliffhanger an der Reihe. Darin verharrend kann Titus einen Haken schlagen, den letzten für heute. Die tief stehende Sonne wirft ein erstaunlich warmes Licht auf die nach Nordwesten ausgerichtete Wand. Wir wissen, dass dieses erfüllende Farbenspiel aber schon bald der kalten Dunkelheit weichen wird. Deshalb seilen wir ab. Titus hat schon am Vormittag drei ebene Flächen im geneigten, mit Schutt bedeckten Vorbau ausgegraben. Allzu großzügig war er nicht mit dem Platz, aber wir sind definitiv ungemütlichere Biwaks gewohnt.


Dafür ist das Wetter am nächsten Tag alles andere als gemütlich. Schwere, dunkle Wolken hängen am Himmel und ein kalter Wind lässt einzelne schwerelose Schneeflocken in der Luft tanzen. Unsere Körper sind hingegen schwerfällig, am liebsten würden wir unsere Bewegungen darauf beschränken, den Wärmekragen des Schlafsackes fester zuzuziehen. Für mich gilt das sogar, weil Titus und Martin heute weitermachen sollten. Doch als die beiden sich frierend in der abweisenden Wand abmühen, empfinde ich schlechtes Gewissen und beginne eine neue Biwakstelle zu bauen, wo wir alle drei nebeneinander Platz haben würden. Das einfache Abtragen von Geröll reicht dazu nicht aus, somit baue ich auf der unteren Seite eine Mauer aus großen Blöcken. Irgendwann vergesse ich, warum wir eigentlich hier sind, bis ich Titus’ freudigen Ruf vernehme. Er hat in zwei Stunden zwar nur zwei neue Meter geschafft, jedoch eine solide Sanduhr gefunden. Eigentlich ist es schon eine Leistung, bei dieser beißenden Kälte überhaupt zu klettern. Dank der guten Sicherung scheint nun der Weg nach oben offen. Doch die herben Bedingungen und vor allem das nahende Konzert von Giorgio Moroder drängen uns zum Abbruch, der uns aufgrund der eben genannten zwei Gründe viel leichter fällt als sonst.

Der helle Schein unserer Stirnlampen im Biwak am Wandfuß ist nicht unbemerkt geblieben. Vorbildlich hatte Martin die Landesnotrufzentrale darauf hingewiesen, dass wir geplant biwakierten und keine Hilfe benötigten. Über Umwege muss auch der Besitzer des Rucksackes über unseren Ausflug erfahren haben, denn wenige Tage später befindet er sich in der gleichen Wand. Wir wissen nicht, ob seine Pläne sowieso schon feststanden; andererseits ist es kein Geheimnis, dass diese Wandflucht in den nahezu vollständig erforschten Dolomiten zu den begehrteren Zielen gehört. Noch in diesem Jahr 2016 wird am Heiligkreuzkofel die Route “Stigmata” von Simon Gietl und Andrea Oberbacher geboren. Sie waren definitiv schneller und konsequenter als wir und haben sich wahrscheinlich nicht durch solch profanen Dinge wie ein Konzert vom Klettern ablenken lassen. Die Linie von “Stigmata” beginnt weiter links, bewegt sich dann aber nach rechts, um die von uns angepeilte Linie zu schneiden und den Gipfel mit einem äußerst schwierigen Finale zu erreichen. Natürlich sind wir enttäuscht und legen unser eigenes Projekt aufgrund des abgeschnittenen Weiterwegs zunächst beiseite.

Sommer 2020: Weil unsere freie Zeit durch die unaufhaltsamen Wendungen des Lebens weniger geworden ist, legen Martin, Titus und ich schon einen Monat im Voraus ein Wochenende fest, an dem wir wieder ein Abenteuer erleben wollen. Mehrere Ideen schwirren uns durch den Kopf. Manche davon würden am knappen Zeitfenster, andere wohl an der fehlenden athletischen Vorbereitung scheitern. Wir kramen auch die Wandbilder des “Ciaval”, hervor und erkennen freudig, dass die Wand breit genug ist, um unsere begonnene Route links von “Stigmata” auf unberührtem Felsen bis zum Gipfel zu klettern. Also hoffen wir nur noch auf gutes Wetter.

Am 05. September sind wir nach 4 Jahren wieder unter der Wand, die uns noch genauso fesselt wie damals. Die Biwakebene, für deren Benutzung sich Simon und Andrea herzlich bei uns bedankt haben, ist noch intakt. Das nehme ich zum Anlass, über meine hervorragende Maurerarbeit zu schwärmen. Schade bloß, dass wir auch diesmal nicht darauf schlafen werden. Martin hat die erste Seillänge brüchiger und halsbrecherischer in Erinnerung als er sie diesmal empfindet. In der zweiten Seillänge ergeht es mir ähnlich: Ich habe sie schwieriger eingeschätzt. Aber es spielt anscheinend doch eine Rolle, wenn man neben dem Klettern auch den Hammer schwingt. Titus erreicht den Umkehrpunkt und ist von der Sanduhr nicht mehr ganz so überzeugt. Einmal mehr wird uns bewusst, wie sehr unser Erleben von Erwartungen geprägt ist. Schon öfters hat Titus gesagt, dass er gerne einmal während einer Erstbegehung stürzen würde, sofern es die Wand zulässt. In dieser steilen Wand hätte er endlich die Möglichkeit dazu. Titus quert zunächst mit etwas Seilzug nach links und klettert dann weit nach oben, ohne Zwischensicherung. Wieder überwiegt seine Sturzangst gepaart mit Können und er schafft auf Anhieb einige wirklich schwierige Züge, die Martin und mich auch im Nachstieg eindeutig herausfordern. Titus erreicht den Stand unserer Vorgänger, zur Sicherheit schlägt er noch einen guten Haken.

Wir kreuzen nun “Stigmata” und klettern links weiter, über schöne Platten und einem perfekten Riss. Die Schwierigkeiten halten sich in Grenzen. Am Nachmittag erreichen wir den oberen Steilaufschwung, die Felsfarbe wechselt wieder von dunkelgrau zu blassem Gelb. Eine Verschneidung weist den Weg. Davor müssen ein kleines Dach und eine sehr brüchige Schuppe überwunden werden. Titus zögert nicht allzu lang. Den hohlen und furchteinflößenden Klang der Schuppe versuchen mir mit aufmunternden Zurufen zu übertönen. Drei sehr solide Standhaken bringen unsere Zuversicht zurück. Martin robbt über die glatte Verschneidung nach oben. Ein letzter brüchiger Überhang wird mit zwei langen Haken verziert und anschließend frei überwunden. Zunächst treten die zwei Haulbags und der Rucksack den Weg nach oben an, Titus und ich folgen und haben erstere bald überholt. Wir sind am Gipfel, bevor die Sonne den Horizont im Westen erreicht, an dem eine durchziehende Kaltfront ein eindrucksvolles Schauspiel aufführt.

Wir sind zu euphorisch, um schon abzusteigen und der Gedanke, Schlafsäcke und Isomatten umsonst hochgehievt zu haben, widerstrebt uns. Daher verbringen wir die Nacht am Gipfel, zelebrieren die wunderschöne neue Route mit delikatem Couscous und Käse und ärgern uns am nächsten Tag, dass die Kaltfront und die damit einhergehende Feuchtigkeit nun näher gerückt sind. In Wahrheit fallen bloß ein paar verbale Äußerungen, die man in solchen Fällen unbewusst und aus Gewohnheit loswird, aber die Zufriedenheit lässt uns darüber schweben. Bereits am Gipfel hat Martin den Namen “Xylophon” vorgeschlagen, weil der erste Buchstabe den Verlauf unserer und Gietls Route beschreibt und er klanglich zu den anderen wilden Routen am Heiligkreuzkofel passt.

 

Infos zur Tour:

  • Erstbegehung von Martin Dejori, Titus Prinoth und Alex Walpoth am 11-12.08.2016 und 05.09.2020
  • Schwierigkeit: VIII+ A0 (frei vermutlich IX)
  • Länge: 240 Meter, 7 Seillängen