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Geschrieben am: 11/06/2020

Wie man einem marokkanischen Hirten den Sinn des Klettern erklärt

Ein Beitrag von Luca de Giorgi

Verschlafen schlürfe ich vor meinem Zelt einen Tee und Frühstücke mit altem Brot und einer billigen Nutella-Nachahmung. Träge beobachte ich wie Ali mit seinen Ziegen und Schafen auf uns zukommt. Er ist ein Halbnomade und lebt etwas höher im Tal mit seiner Familie in einem Zelt.

Geschickt lotst er die über fünfzig Tiere zum Brunnen neben unserem Camp hin. Ich raffe mich auf und sammle meine Klettersachen ein, ehe sie von den Tieren angeknabbert werden. “Salam aleikum” begrüße ich Ali, “Wa aleikum salam” antwortet er mit einem lächeln. Ich deute ihm, sich zu uns zu setzten und mit uns einen Tee zu trinken. “Später” deutet er zurück, zuerst muss er aus dem Brunnen Wasser für die Tränke schöpfen. Er hat einen Kübel aus zusammengenähten Autoreifenstücken mitgebracht und lässt ihn an einem mehrere Zentimeter dicken Kamelhaarseil zum Wasser runter. Viele male wiederholt er den Vorgang, und da man bei so einer Knochenarbeit schlecht zuschauen kann helfen wir mit. Die etwas andere Aufwärmübung vor dem Klettern.

Taraxa, eine Schlucht im Atlasgebirge

Ich befinde mich mit sechs Kletterfreunden in Taraxa, einer Schlucht im Atlasgebirge. Der für Kletterer interessante Teil ist knapp einen Kilometer lang und die Wände sind bis zu 200 m hoch. Die Kalksteinwände sind orange gefärbt und von Wind und Wasser rauh bearbeitet. Zusammen mit Gabriel, Kat, Peter, Armin, Ben und Alfonso sind wir vor ein paar Tagen in Marokko angekommen. Ein lange Autofahrt hat uns bis nach Todra, einem bekannten Sportklettergebiet, und weiter bis ins kleine Dorf Tametattouchte gebracht. Dort haben wir einen Koch und vier Packesel mit ihren Treibern rekrutiert, um die Ausrüstung und das Essen für einige Tage zu transportieren. Am nächsten Tag sind wir aufgebrochen und die rund drei Stunden bis Taraxa gewandert. Kaum angekommen und die Zelte aufgestellt ist ein schreckliches Gewitter über uns ausgebrochen und wir haben nur mit Mühe die Schlamm-Bäche abwehren können. Zum Glück hat die restliche Woche immer die Sonne vom Himmel gelacht.

Rückblick 2018

Ich war schon 2018 eine Woche hier, mit Alfonso und einem marokkanischen Freund, Abdul. Sie haben diese Schlucht für Kletterer entdeckt. Damals gelangen uns nur zwei kurze Routen, aber das Kletterpotenzial hat uns beeindruckt, deshalb sind wir jetzt wieder hier. Diesmal sind wir schwer bewaffnet mit drei Bohrmaschinen und ca. 150 Bohrhaken. Der Alpenverein Südtirol und Mountain Spirit haben uns mit Material und vorteilhaften Preisen unterstützt. Meine Freunde sind begeistert von all dem unbestiegenen Fels. Ganz aufgeregt zeigten wir uns Risssysteme, Platten und Dächer, hinter jeder Windung der Schlucht eröffneten sich neue Möglichkeiten. Mögliche Linien werden diskutiert und Teams gebildet. Leider ist es heute schon zu spät, aber morgen kann es endlich losgehen!

 

Neue Touren

Tag für Tag ziehen wir in verschiedenen Teams in die Schlucht und eröffnen neue Touren. Danke den nicht allzuhohen Wänden kommen wir fast immer in einem Tag durch. So gut es geht, benutzten wir nur mobile Sicherungsgeräte, aber wo der Fels schlecht ist oder in plattigen Passagen greifen wir zur Bohrmaschine. Ich bin am liebsten im leichteren Fels und nur mit mobilen Sicherungsgeräten und Normalhaken unterwegs, andere lieben die Herausforderung und müssen manchmal bohren. Alfonso hingegen ist unser Techno-Spezialist. Mit Handbohrer, Copperheads, Trittleitern und drei Hooks bewaffnet kapitulieren bei ihm auch die kniffligsten Passagen. Manchmal allerdings nicht beim ersten Versuch, aber nach einer Joint-Pause geht’s dann meistens doch.

Die letzten Tage haben wir bis auf Ali und ein paar anderen Halbnomaden des Berbervolkes keine Menschenseele getroffen, wieso auch? Nur Berber mit ihren Tieren haben eine Grund sich hier aufzuhalten, so sieht es zumindest Ali. Als er uns zum ersten Mal traf, waren wir dabei, beim Brunnen unser Camp aufzustellen. Wir haben ihm erklärt, was wir hier machen, aber so ganz hat er uns nicht geglaubt. Ob wir wissen, dass man von hinten ganz leicht zu Fuß zum oberen Ende der Felswand kommt, fragt er uns. Ja, das wissen wir.

Ich genieße diese Tage völliger Abschottung. Wir haben fast keinen Kontakt zur Außenwelt und bewegen uns wie in einer Blase. Aufstehen, Frühstücken, Klettern, Abendessen, am Feuer sitzen und früh Schlafen. Es ist Oktober und nach Sonnenuntergang empfindlich kalt. Besonders gerne sitze ich deshalb am Abend ums Lagerfeuer. Wir tauschen Klettergeschichten aus und planen den nächsten Tag. Nach einer Weile sind wir auch dafür zu müden und starren nur mehr in die Flammen. Oder halten nach Sternschnuppen Ausschau.

Als Ali zwei Tage wieder vorbei kommt, fragt er ob wir in den Felsen Gold oder Diamanten suchen, oder gar einen Schatz in einer der Höhlen in der Wand vermuten. Als wir fragen wie er darauf komme, meint er nur, er hätte uns Hämmern und Bohren gesehen. Wir müssen ihn enttäuschen.

 

Sechzehn neue Touren

Sechs Sportklettertouren bis zu 7b und zehn Mehrseillängentouren mit alpinem Charakter bis zu sechs Seillängen lang und vom IV. bis zum VIII. Schwierigkeitsgrad. Jeder von uns hat ein paar tolle Längen erstbegangen, obwohl es uns viel Mühe und Moral gekostet hat. In einem fremden Land, fernab von anderen Menschen und ohne moderne Rettungsmöglichkeiten wurde jeder Zug doppelt und dreifach abgewogen. Außerdem ist keiner von uns besonders geübt im Erstbegehen. Jeder der das mal probiert hat weiß, dass es mental einen großen Unterschied macht, wenn man weiß, dass die Linie möglich ist und schon begangen wurde. Wir haben zwei kleine Sportklettersektoren erschlossen, was wohl auch dem Umstand zu verdanken ist, dass wir zwischendurch auch einen gemütlicheren Tag nötig hatten.

Abenteuer pur

Ali hat uns die letzten Tage bei seinen Streifzügen mit den Ziegen und Schafen weiter beobachtet. Jetzt scheint er uns zu glauben, dass wir tatsächlich hinter keinem Schatz her sind, sondern, dass wir wirklich nur zum Spaß an den Wänden rumturnen. Fast ein bisschen enttäuscht wirkt er. Ob wir denn dann nicht zumindest die Nester der Greifvögel runter werfen können? Die reißen manchmal eins seiner Lämmer und Kitze. Zum Glück haben wir beim Klettern nie ein Nest gesehen, sonst hätte wohl nicht gewusst wie antworten.

Nach einer Woche müssen wir leider Taraxa verlassen, denn unser Urlaub ist vorbei. Es tat gut für ein paar Tage auf sich selbst gestellt zu sein und die Ruhe des Atlasgebirges zu genießen. Obwohl es uns allen ausgezeichnet gefallen hat, sind wir froh wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Endlich wieder eine warme Dusche!

Für diejenigen die es beim Klettern gern etwas abenteuerlicher haben, ist Taraxa ein guter Tipp. Es gibt noch reichlich Möglichkeiten für weitere Erstbegehungen und einiges zum Wiederholen. Das Gebiet ist noch praktisch unbekannt und wegen der Distanz zur nächsten Straße wir es noch lange so bleiben. Wer sich einige Tage in der Wildnis absetzten will, um in Ruhe zu klettern, ist hier genau richtig.

Weitere Informationen sowie eine detaillierte Routenbeschreibung findet man hier.

Download: Taraxa Topo

 

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com