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Geschrieben am: 18/06/2018

Wandern auf Korsisch

Um so richtig in Urlaubsstimmung zu kommen reist man am Besten mit einer Fähre an. Wir sind vor ein paar Stunden vom schmutzigen Hafen von Livorno ausgefahren und übers ruhige Blau nach Westen geglitten. Der Arbeitsalltag liegt irgendwo im Dunst hinter uns, vor uns hingegen unser Urlaubsziel: Korsika.

Wir haben nichts reserviert oder gebucht und auch keinen konkreten Plan. Den brauchen wir auch nicht. Im Rucksack haben wir das Allernötigste mit, um ein paar Tage durch die Insel streunen zu können. Wir brauchen nur ein verlassenes Eck wo wir in Ruhe unserer Nase folgen können. Auf Google Earth und Wandereblogs werden wir schnell fündig. An der Westküste scheint es einen etwas größeren wilden Küstenabschnitt mit Wanderwegen zu geben, also los gehts!

Unser Enthusiasmus wird gleich durch den Mangel an Autobussen gebremst, heute ist Feiertag und zur Westküsten gibt es keine Verbindung mehr. Zwei Tschechen befinden sich in der gleichen Situation und wir verbünden uns. Zusammen lässt sich der gesalzene Preis einer Taxifahrt verkraften und wir lassen uns über das gebirgige Innere nach Westen fahren. Es ist schon Nachmittag als wir ankommen, wir sind ganz zappelig und wollen endlich von den Straßen und den Menschen weg in die Natur. Wohl oder übel müssen wir aber noch einen Supermarkt finden, um uns mit Käse und Baguettes einzudecken. Sobald das erledigt ist kann es endlich losgehen. Wir schultern unsere schweren Rucksäcke und wandern den Strand entlang der Wildnis entgegen.

Der Wanderweg windet sich der hügeligen Küste entlang, manchmal direkt am Strand und manchmal etwas oberhalb. Immer wieder kommen wir an kleinen Buchten vorbei. Am Anfang, in Straßennähe, sind noch weitere Wanderer unterwegs, je weiter wir kommen, desto weniger ist auf dem Weg los. Bei den verlassensten Stränden begegnen wir höchstens noch ein paar Kühe, die hier wild weiden.

Drei Tage haben wir vor der Küste zu folgen, bis wir wieder zur Zivilisation kommen. In unseren Rucksäcken haben wir alles nötige mit: Hängematte, Matte, Schlafsack, Kocher, Wechselbekleidung und Essen. Wasser haben wir allerdings nur für einen Tag eingepackt, mehr können wir nicht tragen. Das finden wir schon unterwegs. Oder auch nicht. Am Nachmittag des zweiten Tag geht uns das Wasser aus. Entweder wir treffen bald auf einem Rinnsal oder einer Quelle, oder wir müssen die morgige Etappe heute noch gehen. Glücklicherweise hat es vor einigen Tagen stark geregnet und wir finden einen Hang am Strand, von dem es tropft. Das Wasser ist trotz schlammiger Erde erstaunlich klar, und nach einer Stunde haben wir genug zum Kochen und sogar duschen gesammelt.

Die schönste Tageszeit ist der späte Nachmittag. Die Strahlen der tief stehenden Sonne färben die Landschaft in warmen Tönen. Nach einem erfolgreichen Wandertag haben wir das gute Gefühl heute etwas geschafft zu haben. Wir sind stolz auf unsere müden Beine und Schultern. Wir fangen an uns nach einem Platz für die Nacht umzuschauen. Wasser sollte in der Nähe sein, eben muss er sein und möglichst aussichtsreich. Also gar nicht so einfach.

 

 

Nach einer Stunden suchen sind wir uns bei einem Platz endlich einig, jetzt kommt der Höhepunkt des Tages: das Camp aufbauen! Ich fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt, als wir im Wald mit Brettern, Steinen und Decken “Hütten” bauten. Anstelle der Bretter sind heute Planen getreten, anstatt der Decken Matten und Schlafsäcke. Auch die Verpflegung ist um einiges besser geworden, aber der Spaß ist noch der gleiche geblieben. Als das “Haus” endlich steht, mache ich mich ans Kochen: “Schatz, willst du heute Rindfleisch Stroganoff mit Reis oder lieber Chicken Tikka Masala?” Ich schütte kochendes Wasser in die Tüte und zehn Minuten später ist die Trockennahrung fertig. Geschmacklich nicht ganz so meins, aber es wiegt nur sehr wenig und ist einfach zuzubereiten.

 

Den zweiten Teil des Urlaubs wollen wir in Korsikas Bergen verbringen. Wir trampen nach Corte, einem urigen Städtchen im Zentrum der Insel und das Tor zu den Bergen. Heute gönnen wir uns ein Hotel mit warmer Dusche und dreigängigem korsischen Menu: assiete de charcuterie (korsischer Aufschnitt), cannellonis au bruccio et à la menthe (Cannelloni mit einer Füllung aus Frischkäse und Minze) und flan à la châtaigne (Kastanienflan). Gestärkt machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg, bergauf. Unser Ziel ist einer der schönen Gebirgsseen auf knapp 2000m Meereshöhe. Es ist kaum zu glauben, gestern waren wir noch am Strand und heute in den Bergen, mit hochalpinem Flair.

Was Wanderwege angeht sind wir Südtiroler verwöhnt. In Korsika schaut es ganz anders aus, von den Hauptwanderwegen abgesehen lässt die Wegqualität zu wünschen übrig. Wenn sich der Pfad wieder mal in der Macchia verliert ärgere ich mich, gleichzeitig macht es aber auch Spaß seinen eigenen Weg zu suchen und zu finden.

Majestätisch umfassen die Spitzen unseren See. Leider können wir nicht lange bleiben, da für später ein Gewitter angesagt ist. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen und essen unsere Baguette mit Rochefort-Käse. Wir debattieren noch kurz ob wir einen Sprung in den See wagen sollen, aber entscheiden uns dagegen, die Eisschollen im Wasser sprechen eine klare Sprache. Also schultern wir unsere mittlerweile um einiges leichtere Rucksäcke und machen den ersten Schritt bergab, nach unten ins Tal, zur Zivilisation, Richtung Zuhause. Au revoir Corsica, à la prochaine!

Luca & Lara, Mai 2018

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com