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Geschrieben am: 26/04/2019

Out of the Dark – Klettern in Oman

Eigentlich ist die Tour ja nur vier Seillängen lang und kaum 6b schwer, aber was auf dem Papier ganz nett klingt stellt sich als die wildeste Tour unserer Omanreise heraus. Während der Recherche zur geplanten Kletterreise bin ich auf ein Video über diese Kletterroute gestoßen. Es hat mich nicht mehr losgelassen. „Out Of The Dark“ heißt die Tour, bei der man zuerst in in eine Höhle abseilt, um dann über einen engen Kamin wieder heraus zu klettern. Die Aufnahmen sind spektakulär und versprechen abenteuerliches Klettern in einer einzigartigen Umgebung. Zum Glück sind meine Freunde und Reisegefährten genauso begeistert und wir beschließen uns die Tour am Ende unserer Kletterreise vorzunehmen.

Im Jänner 2019 ist es soweit, und ich treffe in Muskat auf Johannes, Peter und Gabriel aus Südtirol, Ben aus England und Katrina aus den USA. Zuerst klettern wir in den Wadis des Hadschar Gebirges an etablierten Sportkletter- und Alpinrouten. Dann verbringen wir einige Tage im Wadi Damm, wo uns einige kurze Erstbegehungen gelingen. Der Kalkstein ist messerscharf und die Linien wunderschön. Vor allem gefällt uns die wilde Umgebung. Tageweise sind wir bis auf ein paar vorbeifahrende Jeeps und eine Handvoll Wandertouristen allein. Wir haben alles Nötige zum Campen mit, denn genauso wichtig wie das Klettererlebnis ist auch das Campleben. Das Zelt muss an einem schönen Ort stehen, in der Nähe sollte es Gumpen zum Baden geben, das Essen muss richtig schmecken und das Lagerfeuer darf nicht fehlen…

 

Nach der ersten Kletterwoche fühlen wir uns gewappnet für die Klettertour “Out Of The Dark” in der 7th Hole Cave. Wir sind wieder mal später dran als geplant und als wir von der Hauptstraße auf die Piste zur Höhle abbiegen, ist es schon dunkel. Es folgt eine Stunde halsbrecherische Fahrt über die schlechteste Straße, die wir je gefahren sind. Ein paar Mal ist es so steil, dass unser Auto trotz Allradantrieb und ersten Gang, es nur ganz knapp schafft weiterzukommen. Schlussendlich sind wir um die Dunkelheit sogar froh, denn einen Blick von der unbefestigten Straße in den Abgrund würden wir nicht mehr verkraften. Irgendwann ist die Piste dann auch zu Ende und wir fahren im Schritttempo weglos weiter. Plötzlich erkennen wir ein paar hundert Meter weiter einen dunklen Fleck in der steinigen Ebene. Das muss der Eingang zur Höhle sein. Wir steigen aus und gehen zu Fuß bis zum Rand. Pechschwarz und bedrohlich, wie eine dunkle Wunde im Boden öffnet sich vor uns das etwa 50 Meter lange und 15 Meter breite Loch. Wir werfen einen Stein und zählen die Sekunden bis zum Aufprall: eins… zwei… drei… vier… erst nach fünf Sekunden dringt ein dumpfer Knall nach oben. Ja, das sind wohl wirklich 110 Meter. Zunächst sagt keiner was, dann kommt uns allen zu lachen: In diesen höllischen Schlund wollen wir uns abseilen, um dann, hoffentlich, wieder raus zu klettern? Das ist doch vollkommen absurd!

Neugierig krieche ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt. Ob die Höhle immer noch so bedrohlich wirkt wie gestern? Leider ja. Obwohl die Sonne vom Himmel brennt, ist der Grund kaum zu erkennen. Außerdem hängen die Wände über und wir stellen fest, dass wir gar nicht auf festem Boden, sondern auf dem Dach der Höhle geschlafen haben…im Nachhinein ein mulmiges Gefühl! Trotz allem zieht uns die Tiefe an wie ein Magnet. Das Ungewisse ruft und uns bleibt nichts anderes übrig als zu folgen. Wir knüpfen zwei Seile zusammen, befestigen ein Ende am Stand und werfen sie hinunter, theoretisch sollte es reichen. Ich überprüfe noch ein letztes Mal den Stand und die Ausrüstung und dann geht es auch schon los. Nach ein paar Metern verliere ich den Kontakt zur Wand und es geht durch die Leere weiter abwärts. Um mich herum winden sich die Wände elegant nach oben und die langgezogene Höhlenöffnung über mir wird immer kleiner. Von einem Seiteneingang dringt schwaches Licht auf den Boden der Höhlenkammer. Es wird ganz still und ich schalte die Stirnlampe ein. Wahnsinn diese Atmosphäre! Nach 60 Metern ist das erste Seil zu Ende und ich wurstle mich irgendwie über den Knoten, um nochmals 50 Meter bis zum Grund abzuseilen. Endlich habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Trotzdem ist aufzupassen, denn dies ist nicht der tiefste Punkt der Höhle, sondern nur der Boden der ersten Kammer. Stufenweise geht es noch weitere 500 Meter bis ganz zum Grund, aber so weit gehen wir heute nicht mehr. Ich schaue mich um. Irgendwo sollte hier ein Kamin sein, an dem es wieder hoch geht. Tatsächlich ist an einem Ende eine Verengung zu erkennen. Das wird er wohl sein.

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Auf den ersten Klettermetern ist der Fels erbärmlich schlecht. Griffe und Tritte zerbröseln schon, beim zu lange anschauen. Wenn da ein paar Meter höher nicht eine Schlinge gehangen hätte, wäre ich vermutlich gar nicht erst los geklettert. Der Fels wird zum Glück besser und ich erreiche nach ein paar weiteren Zügen den Kamin. Langsam fange ich an mich daran hoch zu arbeiten. Stemmen, drücken, robben und husten, denn alles ist staubig. Plötzlich wird es richtig eng und ich muss die größeren Friends an einer Schlinge nachziehen. Ausatmen hilft um weiterzukommen. Gerade mal 40 cm ist der Schluff durch den ich mich wurschtle, bevor es wieder breiter wird. Ein paar Meter höher verengt sich der Kamin wieder, diesmal sind es schätzungsweise 25 cm; das kann‘s doch nicht sein? Ich schaue mich um. Naja, ich könnte etwas weiter nach außen klettern, dort wo der Kamin wieder breiter wird. Da der Kamin aber einer leicht überhängenden Wand folgt, würde ich somit über wer-weiss-wievielen Metern rabenschwarze Luft klettern. Außerdem ist dort der Kamin zu breit zum Absichern. Nein, danke, ich probier‘s doch lieber im Schluff. Nachdem ich ernsthaft riskiere stecken zu bleiben, muss ich einsehen, dass der Kamin einfach zu eng ist. Also doch von außen hoch. Mit zusammengebissenen Zähnen klettere ich über die heikle Stelle nach oben. Die Tiefe unter mir und die fehlende Sicherung schiebe ich irgendwo ganz ins hinterste Eck meines Bewusstseins. Paradoxerweise habe ich den Eindruck, dass die Dunkelheit hilft. Es existiert nur das, was ich im Lichtkegel meiner Stirnlampe sehe. Hätte ich die Kraft weiter zu klettern, wenn sich mir die Tiefe der Höhle in ihrem ganzen Ausmaß enthüllen würde? Nach 50 Metern komme ich endlich zum Stand. Mental ziemlich am Ende, lasse ich mich in die Selbstsicherung fallen und seufze erleichtert auf.

Die nächsten drei Seillängen zur Oberfläche sind ein wahrer Genuss. Es ist deutlich heller und die Kletterei ist nicht mehr so exponiert. Besonders die vorletzte Länge entlang von Löchern und Kristallen ist wunderschön, so viele Sanduhren habe ich noch nie gesehen. Am liebsten würde ich sie alle fädeln. Ziemlich müde kommen wir nach einigen Stunden wieder an die Oberfläche. Obwohl die Sonne die Luft bereits aufgeheizt hat, sind wir für einige Zeit froh, ihre wärmende Strahlen auf unseren Körpern spüren zu können. In der Höhle war es doch kälter als ursprünglich angenommen. Was die Kletterei angeht, war die schwierigste Stelle tatsächlich kaum mehr als 6b. Und doch hat es sich wegen der außergewöhnlichen, unvorstellbaren Bedingungen viel härter angefühlt. Glücklich grinsen wir uns an.

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Text: Luca De Giorgi und Johannes Kaufmann
Fotos: Luca De Giorgi und Ben O’Neill

 

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com