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Geschrieben am: 06/09/2018

LADAKH – Wandern im Himalaya

Mit Grauen warte ich auf den Moment wo der junge Mönch zu mir kommen wird, um Buttertee in meine Schale zu gießen. Um fünf Uhr morgens sind wir losgefahren, um am Morgengebet im Kloster Thikse teilzunehmen. Im Schneidersitz sitzen wir im hinteren Teil des Dukhankgs, dem Versammlungsraum der buddhistischen Klöster. Vor uns sind etwa vierzig Mönche unterschiedlichen Alters und vollziehen das Morgenritual. Es ist ein großes Privileg an dieser Zeremonie teilnehmen zu dürfen. Dabei wird nicht nur gebetet und musiziert, sondern auch gefrühstückt. In den Gebetspausen gehen Jungen im Mönchsgewand die Runde und bieten Buttertee an. Jetzt ist es soweit, der etwa siebenjährige Mönch beugt sich vor und gießt mir eine üppige Portion des braun-rötlichen Getränks in den Becher. Buttertee wird in Ladakh immer und überall getrunken. Dabei handelt es sich um Schwarztee mit Butter, Salz und Soda. Auf den Geschmack dieses Getränks zu kommen ist ein wahres Kunststück, das mir noch nicht gelungen ist.

Das Kloster Thikse ist eines der größten und schönsten des Landes. Es ist am Potala, dem Palast des Dalai Lama in Lhasa inspiriert und beherbergt eine vergoldete und mehrere Meter hohe Statue des Buddha Maitreya.

 

Seit 2013 habe ich jeden Sommer eine Wanderreise nach Ladakh geführt. So schön dieses Land auch ist, jetzt ist es Zeit für einen Wechsel. Dieses Jahr habe ich die Reise zum letzten Mal begleitet. Es ist schwierig eine Bilanz zu ziehen, ich will es auch gar nicht versuchen. Einige Erinnerungen sollen für Ladakh und die Ladakhis sprechen.

WAS YAKS WOLLEN – Eingerahmt zwischen schneebedeckten Gipfeln liegt der kleine Bergsee vor mir. Auf der anderen Seite, etwa 100 m von mir entfernt, grast ein zotteliges schwarzes Yak. Ich zucke die Kamera um von diesem idyllischen Bild ein Foto zu machen. Doch beim Geräusch des Reißverschlusses blickt das Yak auf und nimmt mich wahr. Sofort fängt es an in meine Richtung zu trotten. Womöglich will es zum Wasser, um zu trinken. Aber nein, es folgt dem Ufer und umrundet den See und kommt auf mich zu. Ich versuche mich auf Distanz zu halten, indem ich ebenso dem Uferrand folge, aber das Yak wird schneller und holt rapide auf. Jetzt wird mir mulmig zumute und ich schaue mich fieberhaft nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber vergebens. Lediglich ein brusthoher Steinblock ist in meiner Nähe. In der dünnen Luft japsend hechte ich auf ihn zu und erreiche ihn kurz bevor das Yak mich einholt. Wir schauen uns über den Stein an. Große, wässrige Augen beobachten mich durch die Stirnzotteln. Leises schnauben. Die dunklen Hörner glänzen spitz.

Was tun? Das Yak entschließt sich um den Stein herum auf mich zu zu gehen, ich bewege mich aber mit, um den Stein zwischen uns zu halten. So drehen wir ein paar Runden. Die Situation wird immer komischer. Ich versuche mich groß zu machen und dem Yak durch lautem Geschrei Angst zu machen, aber alles umsonst. Unbeirrt drehen wir weiter unsere Runden um den Stein. Als es dann aber versucht über den Stein darüber zu steigen wird es mir zu bunt. Ich schlucke meine Stolz hinunter, räuspere mich, und rufe dann laut um Hilfe. Tashi, unser Guide, sollte nicht allzu weit hinter mir sein. Tatsächlich kommt er auch gleich um den Hügel gelaufen, bleibt aber abrupt stehen und bricht in lautem Gelächter aus, als er die Situation erkennt. Er greift in seinen Sack und streut dem Yak etwas Salz auf dem Boden. Das Yak, das durch Tashi’s Ankunft verwirrt stehen geblieben ist, erweckt wieder zum Leben und stürzt sich auf das Salz. Tashi erklärt mir, dass es die Yaks gewöhnt sind Salz zu bekommen, wenn jemand auf der Alm nach ihnen schaut. Einem unwissenden Wanderer war es wahrscheinlich noch nie begegnet.

Die Ruhe vor dem Sturm auf dem Changtang Plateau, auf über 4500 m. Der größte Feind unserer Zelte ist der Wind, der am Nachmittag stundenlang daran rüttelt.

SARNER WITZE IM STURM – Dunkle Wolken verhüllen di Fünftausender um uns. Leichter Regen kommt während des Treks auf dem Changtang Plateaus manchmal vor, doch als ich den ersten Donner höre wird mir schlagartig klar, dass es diesmal ganz anders kommen wird. Leider fehlt noch eine gute Stunde zum Camp und Unterschlupf ist auf dem Weg dorthin keiner. Jetzt geht es richtig los, mit Regen, Hagel, Blitz und Donner. Von der Sonne und Hitze der vorherigen Tage verwöhnt haben viele von unserer Gruppe nicht die volle Regenausrüstung mit und werden platschnass. Ganz verschont bleibt niemand.

Als wir endlich im Camp ankommen hat unsere Mannschaft schon das Gemeinschaftszelt aufgebaut, in dem wir uns zumindest vor dem Regen schützen können. Ich krieche als letzter ins Zelt und blickte in verfrorene, müde und niedergeschlagene Gesichter. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt und die Frage, ob es nicht besser wäre den Trek abzubrechen, steht unausgesprochen im Raum. Was tun? Bevor ich etwas sagen kann fragt ein sympathischer Traminer in die Runde: “Kennts dein mitn Sarner der beichten geat?” Schlag auf Schlag kommen die Witze von alle Seiten, vor lauter Lachen wird uns wieder warm. Und eine Stunde später scheint wieder die Sonne vom Himmel.

Unglaublich herzlich und gastfreundlich. Die Ladakhis sind ein Bergvolk wie wir.

 

BEIM AMCHI ZU BESUCH – “Die Jungen gehen lieber zum westlichen Arzt als den traditionellen Heilmittel zu vertrauen” seufzt der Amchi. Die meisten Dörfer in Ladakh haben einen in der tibetischen Heilkunst kundigen Mann, der die Rolle des Dorfarztes inne hat. In Hemis Shukpachang haben wir das Glück den Dorf-Amchi besuchen zu können. Als Jugendlicher hat er bei einem berühmten Amchi des Changtang Plateaus gelernt und nach ausgiebigen Studien in Dharamsala ist er in sein Dorf zurückgekehrt. Er erklärt uns, dass man, um eine Diagnose zu erstellen, zuerst ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten führen muss, um dessen Lebensweise zu verstehen. Dann wird der Puls gefühlt und ggf. der Urin untersucht. Nachdem die Ursache der Beschwerden klar ist verschreibt der Amchi eine Medizin, wobei zur Heilung auch Gebete und Meditation hilfreich sind. Während er uns erzählt, breitet er einige der Inhaltsstoffe vor sich aus. Die Säckchen enthalten vor allem Zutaten pflanzlichen Ursprungs, aber auch einige mineralische und tierische sind darunter. In der Ursprungsform getrocknet werden sie aufbewahrt, um dann zu einer maßgeschneiderten Medizin zusammengemischt zu werden. Dabei werden die Zutaten in einem Granitmörser zu Pulver verarbeitet, vermischt und in Form von Pillen dem Patienten übergeben. “Schaugen aus wie Goasgaggelar und schmecken a so,” bemerkt eine Gruppenteilnehmerin, die sich welche gegen Höhenbeschwerden hat verschreiben lassen, “ober’s hilft!” Früher führten die Amchis auch Operationen durch, doch als eine, die an einer tibetischen Königin ausgeführt wurde schief lief, wurden Operationen verboten. Lediglich mit heissen Eisen wird noch gearbeitet, erklärt uns der Amchi. Wenn man an bestimmten Punkten glühende Eisen auf die Haut drückt, lassen sich viele Krankheiten behandeln, sogar Krebs. Aber leider sei diese Behandlungsmethode nicht mehr so beliebt, seufzt der Amchi, den Jungen gefalle es einfach nicht, wenn die Narben so lange bleiben.

Auf jeden Gipfel und Pass begrüßen Gebetsfahnen den Wanderer. Wenn der Wind durch sie hindurch bläst nimmt er die darauf gedruckten Gebete auf und trägt sie in alle Himmelsrichtungen.

Kurz bevor die Sonne hinter den Bergen verschwindet kommen wir zum Camp zurück. Klein und ganz verloren wirkt unser Zelt inmitten der majestätischen Kulisse.

 

NUR NOCH EINEN SCHRITT – Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein plumsen. Davon gibt es in Ladakh mehr als genug. Um uns herum sanfte Steinhügel so weit das Auge reicht, erst kurz vor dem Horizont erkennt man die schneebedeckten Spitzen einiger Sechstausender. Etwa 800 m unter uns, im grünen Talboden, sehe ich die Zelte unserer Gruppe, dazwischen grasen unsere Packpferde. Heute haben wir uns vorgenommen den Hügel oberhalb unseres Camps zu erklimmen, dieser geht in einen flachen Grad über, der bis zu einem 5800 m hohem Gipfel führt. Die Meisten unserer Gruppe geben schon nach ein paar hundert Höhenmetern auf und bleiben an einem Aussichtspunkt mit Gebetsfahnen zurück. Nur Veronika aus dem Gadertal, zwei Männer und ich gehen weiter. Am Anfang geht es noch recht gut, aber mit zunehmender Höhe wird es immer schwieriger. “Wie schaugs aus Mandr, giemor no a Stickl?” fordert uns Veronika heraus. “Logisch!”, sagen die Männer und rappeln sich auf.

Die Erschöpfung steht ihnen im Gesicht geschrieben, doch Veronika hat sie am Ehrgeiz gepackt und sie wollen nicht als Erste aufgeben. Und mir als Wanderführer bleibt wohl oder übel nichts anderes übrig als mitzugehen. 5200, 5300, 5400… immer weiter. So richtig verstanden habe ich es nie, wenn ich von Höhenalpinisten las, die mit jedem Schritt zu kämpfen hatten. Aber genau so ist es. Alle paar Schritte ringe ich wieder nach Luft und schwöre mir, dass ich bei der nächsten Kuppe zurückgehe. Aber dann trippelt Veronika gemächlich weiter und uns drei arme Hanseln bleibt nichts anderes übrig als ihr zu folgen, weil wir zu stolz sind aufzugeben. Irgendwann, auf knapp 5600 m hat Veronika Mitleid mit uns und schlägt vor nach einer Pause wieder abzusteigen. Ohne uns allzu erfreut zu zeigen stimmen wir zu. Jetzt, wo ich von hier oben das fantastische Panorama genießen kann bin ich froh, dass uns Veronika raufgezogen hat, die Aussicht ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend!

Die Seidenstraße verlief teilweise durch Ladakh. Von dieser Zeit stammen die Kamele, die man auf den Sanddünen des Nubra Tals antreffen kann.


Dieses wunderbare Land hat mir viele einzigartige Erfahrungen geschenkt. Die kargen Berge, die beindruckenden Klöster und die unglaublich herzlichen Ladakhis werde ich nicht mehr vergessen. Die starken Kontraste in Natur, Kultur und Gesellschaft machen es zu einem idealen Reiseziel für Wanderer und Bergsteiger. Trotzdem ist das Land nicht überlaufen und wer sich auch nur einen Schritt außerhalb der wenigen touristischen Attraktionen wagt wird mit unvergesslichen Erinnerung belohnt. Ich werde Ladakh vermissen, nur den Buttertee nicht!

Hemis Shukpachang ist eine Oase in der kargen Landschaft. Vor allem Gerste wird hier angebaut, das Grundnahrungsmittel der Ladakhis.

 

REISEINFORMATION:

LEH: Herzlich und hilfsbereit wird man im Lungsnon Guesthouse aufgenommen. Dolma, die Herrin des Hauses, ist Mitbegründerin und langjährige Präsidentin der Frauenorganisation Ladakh’s. Im ruhigen Innenhof lässt es sich bestens einen Minztee trinken und sich and die Höhe gewöhnen.
Adresse/Kontakt: Gegenüber des Mandala Hotels, Fort Road, Leh. Tel. 09419219607 oder 01982252749. Email: [email protected]

HEMSI SHUKPACHANG: Eines der schönsten Dörfer Ladakh’s und der ideale Ort um sich zu akklimatisieren. Weit vom Rummel der Hauptstadt und der Hauptverkehrsadern entfernt kann man in Hemis in den umliegenden Bergen wandern und die bäuerliche Kultur kennenlernen. Tombo Pa Guesthouse ist ein uriger Bauernhof, der zu einem komfortablen Guesthouse umgebaut wurde.
Adresse/Kontakt: Tombo Pa Haus, Hemis Shukpachang, unteres Industal. Tel. 01982240031, 941934365 oder 9419598565. Email: [email protected]

GUIDE: Schon seit mehreren Jahren wurde ich auf all meinen Wanderungen und Treks von Tashi aus Hemis Shukpachang begleitet. Er spricht gutes Englisch und ist überaus kompetent, außerdem ist er der Sohn des Inhabers vom Tombo Pa Guesthouse (siehe oben).

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com