Permalink

off

Beitrag von:
Geschrieben am: 06/06/2019

L scibl – die Geschichte einer Erstbegehung

Parëi de Bredles (Villnösser Rotwand)
Erstbegeher: Titus Prinoth und Alex Walpoth am 05.08.2017, 29.07., 10.08., 17.08.2018
Schwierigkeit: VIII A0, bis A3/A4
Länge: 260 Meter

Es gibt Orte, die üben eine ganz besondere Anziehungskraft auf uns aus; sei es durch ihre landschaftliche Schönheit oder durch die Erinnerungen, die daran geknüpft sind. Für Titus und mich ist der Wandfuß der Villnösser Rotwand so ein Ort. Unter den gewaltigen Überhängen ist es meistens ungemütlich kalt und feucht. Uns geht es um die Erinnerungen.

Im Winter 2014/2015 glückte uns die Wintertrilogie: Das Klettern der drei Routen „Franz Runggaldier“, „Rudi Runggaldier“ und „L Cator“ in der unangenehmsten Jahreszeit.
Später kletterten wir zwei Erstbegehungen, „Ruhe, wo immer du bist“ und „Via tl Vënt“. Somit hatten wir mehr als zwanzig Tage in der Wand verbracht und unzählige Male die beeindruckenden, gar furchteinflößenden Überhänge zwischen „Franz“ und „Rudi Runggaldier“ studiert.

Die ersten Meter schienen unüberwindbar: Mehrere Dächer, einige durch die ständige Nässe schwärzlich verfärbt, folgten aufeinander. Mittels haariger technischer Kletterei könnte es ganz vielleicht gehen.

Zwei Jahre vor unserem ersten Versuch hatten wir bereits einen Profilhaken von unten nach oben zwischen der eigentlichen Wand und einer labilen Schuppe geschlagen. Das rostende Eisen erinnerte uns jedes Mal, dass wir noch ein offenes Projekt hatten; dass wir uns noch einen Wunsch erfüllen wollten. Wir träumten von dieser Route, doch fehlte uns der Mut, wirklich einzusteigen. Zu glatt, brüchig und schwierig sah die Wand aus.

Mitte August (2017) plant Titus nach Schweden zu fliegen, um die Ausbildung zum Helikopter-Piloten zu beginnen. Uns ist bewusst, dass wir längere Zeit nicht mehr miteinander klettern werden. Wir planen die letzte gemeinsame Route vor der Abreise. Natürlich wäre es schön, wenn sie uns besonders viele Erinnerungen schenkt. Viele schwierige Routen gehen uns durch den Kopf. Dann tauchen der vor sich hin rostende Haken und die Bilder der abschreckenden Villnösser Rotwand auf. Nun ist alles ganz klar: Wann ist das Klettern intensiver als während einer Erstbegehung? Wo teilt man miteinander ein größeres Abenteuer als in einer unbekannten, überhängenden Wand?

Das Material wird auf einer großen Felsplatte am Einstieg ausgebreitet: Haken jeglichen Typs, Trittleitern, eine dreifache Serie an Friends. Etwas abseits liegen der Handbohrer und wenige Bohrhaken. Diese werden wir höchstens für die Stände benutzen. Wir haben uns diese klare Regel gesetzt, die im Grunde aber ein Kompromiss ist: Einer zwischen Abenteuer und Sicherheit, ein höchst individueller Kompromiss. Jeder muss mit sich und seinem Kletterpartner selbst ausmachen, wie weit er in seinem Verzicht gehen will. Die Erstbegehungen der anderen sollte man wiederum respektieren und in ihrem ursprünglichen Zustand belassen.

Mehr als alpinethische Überlegungen zählen jetzt aber Kletterkönnen und Entschlossenheit. Zwei weitere Haken, beide sehr vorsichtig mit meinem Körpergewicht geprüft, und einige Züge in freier Kletterei bringen mich unter das erste Dach. Mit an Friends eingehängten Trittleitern komme ich weiter. Ich schlage zwei äußerst kurze Haken. Diese fördern eher meine Moral als die recht dürftige Sicherungskette. Nach vier Stunden harter Arbeit sehe ich keine Griffe und keine Felsritzen mehr. Der Boden ist immer noch gefährlich nahe. Ständig geht mir die Frage durch den Kopf, ob die Zwischensicherungen einen Sturz halten würden. Erschöpft seile ich mich zu Titus ab.

Der brennt darauf, endlich den Hammer zu schwingen. Vorsichtig steigt er am fixierten Seil hoch. Dass das Seil an einem sehr unzuverlässigen Haken hängt, habe ich vergessen mitzuteilen. Vielleicht auch ganz bewusst verschwiegen. Mit dem zweiten Halbseil ist Titus rückgesichert.

An meinem Umkehrpunkt angelangt macht sich Titus sofort an die Arbeit. Mit seinen frischen Augen und der unverbrauchten Vorstellungskraft sieht er neue Möglichkeiten. An einem Mikro-Klemmkeil hängt er die Trittleiter ein. Der Fels ist sehr abschüssig, die wenigen Griffe sind alle nach unten gerichtet. Der Cliffhanger kratzt an der Felsoberfläche, findet aber keinen Halt. „Ich versuchs frei“, ruft mir Titus zu. Von meiner Position aus sehe ich nicht allzu viel. Titus bewegt sich nach oben, dann belastet er den Cliff. Plötzlich saust eine kopfgroße Schuppe hinab. „Daran habe ich mich eben noch festgehalten“, meint Titus lakonisch. Zum Glück hat er rechtzeitig den Cliff gesetzt. Ich bin erstaunt über seine Gleichmütigkeit. Auf den folgenden Metern braucht aber auch Titus seine Nerven auf. Nach einer äußerst schwierigen Querung zwingt ihn die zunehmende Seilreibung Stand zu machen. Zwei Friends in einem glitschigen und unregelmäßigen Riss erfüllen sein Bedürfnis nach Sicherheit nur unzureichend. Titus setzt noch einen Bohrhaken in mühsamer Handarbeit. Endlich fällt die Anspannung ab.

Im Nachstieg kann ich die Seillänge etwas objektiver betrachten. Einmal mehr wird mir bewusst, wie stark Angst unsere Wahrnehmung einschränkt. Plötzlich erkenne ich neue Strukturen. Die nötigen Griffe, um die ganze Seillänge frei zu klettern, finde ich dennoch nicht. Außerdem legen die schlechten Zwischensicherung nahe, keinen Sturz zu riskieren. Der Gedanke ans Freiklettern verblasst. Das größte Abenteuer liegt sowieso über uns.
Titus fliegt nach Schweden. Ich klettere andere Routen. Ein Jahr später, im Sommer 2018, stehen wir wieder am Einstieg. Hier ist die Zeit stehen geblieben, so markant sind die Bilder des ersten Versuchs noch im Kopf. Nach dem Aufstieg am fixierten Seil legt Titus gleich los. Über eine griffige Schuppe klettert er zügig nach oben, bis eine nasse, schiefe Verschneidung seinen Rhythmus unterbricht. Wiederum werden die Friends auf ihre Haltekraft getestet. Hammerschläge erklingen. Nun gilt es, eine schwierige Stelle frei zu überwinden. Der ständige Wechsel zwischen technischer und freier Kletterei ist mühsam und erfordert ein Umdenken im Kopf. Wenn dies nicht gelingt, ist die Schwerkraft besonders gnadenlos.

Titus ruft ungläubig, dass er sich auf einem breiten Band befindet. Er schlägt drei Haken und hat Stand. Die nächste Seillänge beginnt weniger steil. Ich schleiche über eine senkrechte Platte hinauf, versuche nur die festen Griffe zu belasten und freue mich über die schöne Kletterei. Die Absicherung gestaltet sich immer noch als schwierig, aber nun könnte ich auch ohne Verletzungsgefahr stürzen. Weiter oben schlage ich drei bescheidene Haken. Dazwischen klettere ich alles frei. Um einen Stand zu bauen sehe ich keine andere Möglichkeit, als einen weiteren Bohrhaken zu setzen. Es wird der letzte bleiben. Ich benötige eine halbe Stunde, um das Loch zu meißeln. Danach sind meine Arme entkräftet. Titus hat sich bereits beim Schlagen der Normalhaken verausgabt und daher seilen wir ab. Wieder sind viele Stunden vergangen.

Der Aufstieg am Seil ist nun mit haarsträubenden Pendeln verbunden. Wir kommen erwartungsvoll am dritten Stand an. Titus überwindet die bis dahin eindrucksvollste Seillänge. Zwei Sanduhren geben ihm genug Sicherheit, um ohne einen einzigen Haken auszukommen. An den wenigen Zwischensicherungen rastet er um sich dann weit in die unbekannte Felslandschaft vorzuwagen. Einige Züge klettert er am Limit, das merke ich an seinem unregelmäßigen Atem. Irgendwann vergisst er gänzlich Friends zu legen. Abgesehen davon, dass er sicher ins Leere fallen würde, scheint er doch fern jeder Angst vollkommen in den Bewegungen und dem daraus entstehenden Fluss zu versinken.
Als ich nach dieser wunderbaren und anspruchsvollen Seillänge bei Titus im Stand ankomme, wirkt er ziemlich aufgelöst und gleichzeitig leicht übermütig. Gemeinsam verstärken wir den Stand, wiederum auf einem gemütlichen Absatz, mit einem weiteren Haken. Wir befinden uns nun unter den größten Überhängen. Wir wissen, dass es bis zum Gipfel nicht mehr weit ist. Doch der direkte Weg nach oben scheint unmöglich.

Etwas links vom Stand beginnt eine Verschneidung und endet zehn Meter weiter oben an einer Kante. Wir sehen nicht, was danach kommt, werden es aber wohl auf diesem Weg versuchen müssen. In der Verschneidung komme ich gut voran und Euphorie ergreift mich, weil die Felsqualität nun perfekt ist. Auf den Cliffhanger verzichte ich nun, das Erleben verdichtet sich und die Emotionen im nächsten Standplatz sind stärker. Es ist eine einfache Gleichung im Leben: Je mehr Bemühung wir hineinstecken, desto mehr kommt zurück, meistens in Form von Zufriedenheit. Beim Klettern erreichen wir große Genugtuung indem wir den Verzicht leben.

Ein Gewitter zieht heran. In der weit überhängenden Wand sind wir zwar vor Wettereinflüssen geschützt, aber es ist schon wieder spät und die Energie verbraucht. Ins Leere abzuseilen, zwischen der gelben Wand und den Regenfällen weit draußen, ist sehr abenteuerlich und erfordert Aufmerksamkeit. Die fällt aber immer wieder auf die Seillängen, die wir bereits geklettert sind und jene, die auf dem Weg zum Gipfel noch fehlen. Letztere entsenden einen größeren Reiz. Wir sind jedoch auch überzeugt, dass wir das nächste Mal aussteigen werden, somit schrumpft gleichzeitig das Abenteuer.

Am 17. August 2018 steigen wir zum nunmehr vierten Mal in die Wand ein. Besser gesagt ziehen wir uns in großem Abstand zur Wand an den Fixseilen hoch. Vom letzten Stand könnten wir wahrscheinlich links hinausqueren, doch die Ästhetik der Linie hat Vorrang. Daher streben wir einen spektakulären Riss weiter rechts an. Titus klettert los. Wenige Meter nach dem Stand benötigt er eine halbe Stunde um einen Haken zu schlagen. Die Zeit, die man zum Schlagen eines Hakens aufbringen muss, hängt nicht unbedingt mit der Haltekraft desselben zusammen. Trotzdem ist Titus überzeugt, dass sein Haken jeder Belastung standhält und das ist das Wichtigste. Denn nur so wagt er sich weiter in unberührte Wandwinkel hinein. Ein schwieriger Boulder bringt Titus zunächst ans Limit und dann zum ersehnten Riss, wo er nun maximale Exposition genießt. Dieser Riss beglückt uns noch mit einer fantastischen Kletterei.

Die letzten Klettermeter klettern wir betont langsam und die letzten zwei Standhaken bringen wir mit zögerlichen Hammerschlägen an. Wir wollen uns jeden Augenblickes bewusst sein. Wir wollen nicht, dass das Abenteuer nun endet aber wissen, dass dies schon geschehen ist. Die anfängliche Ernüchterung weicht bald überschwänglicher Freude. Wir sind einfach glücklich, uns dieser Linie voller Fragezeichen hingegeben zu haben und nun an deren Ende zu stehen, ganz oben. Da, wo der Blick zurück und nach unten genauso spannend ist wie jener nach vorne.

Bildgalerie