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Geschrieben am: 02/12/2020

Klettern im Valle Maira

Mittlerweile ist vielen Personen das Valle Maira ein Begriff. Vom armen, von Landflucht geplagtem Gebiet, ist dieses Tal in der Nähe von Cuneo zu einem bekannten Wander- und Skitourenziel geworden. Aber lohnt sich ein Besuch auch zum Klettern?

Im Sommer zum Klettern wegfahren? Wenn es bei uns doch so schön ist und die Klettersaison in den Dolomiten sowieso schon so kurz ist? Dafür muss das Ziel schon ganz was besonderes sein, etwa Chamonix oder Norwegen. Aber Valle Maira? Ich bin skeptisch. Doch wir sind mitten im Corona-Sommer und entfernte Ziele kommen nicht in Frage, außerdem soll es in der Valle Maira fantastischen Fels und wenig Kletterer geben. Das klingt doch ganz einladend, denke ich mir. Ich lasse mich überzeigen und überrede gleich drei Kletterkollegen mit. Zusammen mit Peter, Manna und Steff verbringe ich im August dort eine Woche zum Klettern.

Klettern auf der Haifischflosse

Von der imposanten Rocca Provenzale hat mir schon Renato Botte, der das Tal sehr gut kennt, erzählt. Dieser Monolith aus Quarzit thront über den Talschluss wie eine gigantische Haifischflosse und verspricht erstklassigen Kletterspaß. Die Rocca ist leicht zu erreichen und eines der meistbesuchten Kletterziele des Tales, trotzdem begnen wir nur einer Handvoll anderer Kletterer. Von den vielen Touren, die von allen Seiten auf diesen Zacken führen, wählen wir die „King Line“, die in sieben Seillängen und moderaten Schwierigkeiten zum Gipfel führt. Was wir nicht bedacht haben ist, dass es so ziemlich die von der Straße entfernteste Tour ist. Also marschieren wir mehr als eine Stunde an vielversprechenden Einstiegen vorbei, bis wir endlich zu unserem kommen. Von der strahlenden Sonne ganz schön ins Schwitzen gebracht mache ich mich daran das Klettermaterial auszupacken, hoffentlich hat es sich ausgezahlt bis hier herauf zu latschen.

Oh ja, schon die erste Seillänge ist ein Genuss! Ich folge einer wunderbaren Abfolge von Henkeln, Schuppen und Rissen bis zum ersten Stand. Ich lache vor Freude und signalisiere Peter, dass er nachkommen kann. Abwechselnd steigen wir vor und genießen jede Seillänge. Der Fels ist für uns Dolomiten- und Porphyrkletterer ungewohnt, doch die Abwechslung tut gut. Die Route ist vorzüglich eingerichtet, nur manchmal sind die Bohrhaken etwas distanziert. Der Fels ist fest und es sind kaum lose Steine in der Wand: eine Plaisir-Tour wie aus dem Bilderbuch.

Die letzten Seillängen bis zum Gipfel sind die schönsten. Die Linie führt von einer Verschneidung zu einer ausgesetzten Kante und dann dieser entlang bis zum leicht überhängenden Gipfelwandl. Dieses schaut schwieriger aus als es ist, ich finde ein paar Henkel und schon stehe ich auf dem Gipfel. Ausnahmsweise benutze ich nicht die stillen Seilkommandos, sondern signalisiere Peter mit einem Jauchzen, dass ich oben bin!

Auf der Suche nach Wildnis unter der Rocca La Meja

Schon bei der Recherche vor der Kletterfahrt war mir die Rocca La Meja aufgefallen. Dieser eigenwillige Berg besteht aus einer schier endlosen Abfolge von Kalksteinschichten, teilweise sogar aus Dolomit. Das besondere dabei ist, dass diese Schichten fast vertikal aufgestellt sind und somit eine Serie perfekter Platten bilden. Durch diese Wände ziehen sich mehr als 50 Klettertouren, die bis zu 400 m lang sind und den IX. Schwierigkeitsgrad erreichen. Wir stellten uns die Frage, ob es denn Sinn mache bis ans südliche Ende der Alpen zu fahren, um dann wieder im Dolomit zu klettern? Besonders wo es in Valle Maira doch auch so interessante Quarzitwände gibt.
Schlussendlich entscheiden wir uns trotzdem der Rocca La Meja einen Besuch abzustatten. Ausschlaggebend dafür ist, dass sich dieser Berg etwas abseits am hinteren Ende eines Seitentales der Valle Maira befindet und ein wildes Ambiente versprach. Wir stopfen unsere Rucksäcke mit Klettermaterial, Zelt, Schlafsack und Proviant für drei Tage voll und wandern vom Parkplatz der Rocca entgegen. Wir finden zwar einen abgelegenen Platz zum Zelten, aber das mit der Wildnis haben wir uns doch etwas anders vorgestellt. Die Hochebene unter der Rocca La Meja ist stark bewirtschaftet und von Wanderwegen durchzogen. Aber am Schlimmsten ist die alte Militärstraße, die in etwa 3 km Entfernung vorbei führt und mehrmals Täglich von Konvois aus „Land Rover-Abenteurern“ befahren wird.

Glücklicherweise entpuppt sich die Rocca La Meja als ein vorzügliches Kletterziel. Wir klettern zwei Tage lang Mehrseillängentouren und sind begeistert. Trotz geologischer Verwandtschaft fühlt sich der Fels ganz anders als der Kalkstein von Arco oder der Dolomiten an. Die Platten der Rocca überzeugen uns durch festes Gestein, herrlich raue Oberflächen und eigenartige Formationen. Besonders letztere sind zum Klettern der reinste Spaß: Teilweise sind die Platten wie von einer Art fossilen Schwamm überzogen, dann wieder ganz glatt und an anderen Stellen hingegen vom Wasser zerfurcht und zersetzt. Es bleibt jedenfalls spannend und jede Seillänge birgt neue Überraschungen.

Nach einer knappen Woche treten wir die Heimfahrt an. Wir sind froh das Valle Maira entdeckt zu haben. Für Kletterer ist hier auf engstem Raum für jeden etwas dabei: zwei Gesteinsarten, mehrere Klettergärten, zwei kleine Bouldergebiete und über hundert Mehrseillängenrouten. Und ich weiß auch schon welche Routen ich mir das nächste Mal anschauen werde!

INFOS:

 

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com