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Geschrieben am: 11/02/2019

Klettern im Atlas Gebirge: ein Bericht in Fotos

Das Beste an meiner letzten Marokko Kletterreise war das Erlebnis mit der Ziege. Nicht die Ziege selbst – ihr Fleisch war nämlich etwas zäh – sondern das ganze Drum und Dran. Aber alles der Reihe nach. Es trifft sich, dass zwei der schönsten Klettergebiete Marokkos sich gar nicht so weit voneinander entfernt im Hohen Atlas befinden. Taghia ist in den letzte Jahren als Mehrseillängen-Mekka Marokkos bekannt geworden und Todra ist eines der ältesten Sportklettergebiete des Landes. Leider liegt Taghia auf der Nordseite des Atlasgebirges und Todra an den Südausläufern, schon fast in der Wüste. Wir wollten in beiden Gebieten klettern, aber gern auf die lange Fahrt um das Gebirge herum verzichten, deshalb beschlossen wir beide Gebiete mit einer Zweitageswanderung über den Atlashauptkamm zu verbinden. Was uns anfangs als notwendiges Übel erschein stellt sich als eines der Highlights der Reise heraus.

Der Wecker läutet um vier Uhr in der Früh: zwei Stunden Fahrt nach Bergamo, drei Stunden Flug, eine Stunde Warteschlange bei der Passkontrolle und dann noch sechs Stunden Fahrt von Marrakech nach Zaouiat Ahansal. Hundemüde steigen wir dort vom Taxi aus. Wir sind auf den Nordausläufern des Hohen Atlas angekommen, im letzten Dorf. Dort wo die Straße aufhört und man nur noch zu Fuß weiter kommt. Wir hieven unsere Taschen auf einen Esel und schultern unsere Rucksäcke. Zwei Stunden sollen es noch sein bis Taghia, dann sind wir endlich wo wir sein wollen: in Marokkos Mehrseillängenparadies!

Langsam wandern wir die Schlucht entlang bergauf. Je weiter wir kommen, desto schlechter wird der Weg. Ich bin schon zum zweiten Mal hier. Vor einem Jahr war ich zum ersten Mal in Taghia, doch es war nur kurz: eine Kostprobe. Geschmeckt hat es mir aber so sehr, dass ich heuer wieder hier bin. Dieses Jahr ist Wolfgang Hell, ein Südtiroler Bergführer, mein Reisegefährte.

Nach knapp zwei Stunden Aufstieg öffnet sich das Tal plötzlich und es verschlägt uns den Atem. Vor uns laufen drei tiefe Schluchten zusammen, gesäumt von perfekten Kalksteinwänden, bis zu 800 Meter hoch. Es ist eine unglaubliche Kulisse, die Müdigkeit ist vergessen und noch während wir zu unserem Guesthaus gehen debattieren wir welche Route wir morgen im Angriff nehmen sollen…

Um in Taghia zurechtzukommen sollte man ohne Probleme 6b klettern können, leichtere Touren gibt es kaum, es sei denn man wagt sich an die wilden Alpinklettertouren heran. Doune klettert neben uns “Au Nom de la Refome” einen Klassiker im 6b Bereich. Im Hintergrund ist das Dorf Taghia zu erkennen.

Nur wer an Mehrseillängen-Touren interessiert ist, verirrt sich bis nach Taghia, in den zwei kleinen Klettergärten sieht man selten jemand klettern. Im Kletterführer vom Franzosen Christian Ravier sind 150 Routen beschrieben und es werden jedes Jahr mehr. Bald soll eine erweiterte Neuauflage erscheinen. Es gibt viele gebohrte Touren sowie alpine Routen, eine der bekanntesten ist die 800 Meter lange und mit 7c+ bewertet Route Babel. Die ersten Touren wurden in den siebziger Jahren von Franzosen und Spaniern eröffnet. Auch einem Südtiroler Team ist 2005 eine Erstbegehung hier gelungen.

Taghia ist (noch) nicht mit Fahrzeug erreichbar. Was uns Kletterern natürlich sehr gefällt. Es ist ruhig, kaum andere Touristen verirren sich bis hier her und es trägt zur Illusion des Abenteuers bei. Die Dorfbewohner sind über den Bau einer Straße gespalten, was den einen als große wirtschaftliche Chance erscheint ist für Andere eine Bedrohung. Mit Tourismus lässt sich in Marokko viel Geld machen und bei einem solchen Panorama würde Taghia schnell zu einer Touristenattraktion werden. Andererseits würde der Bau einer Straße den Verlust von Tradition und althergebrachten Lebensweise um ein Vielfaches beschleunigen.

Copyright: Ben O’Neill

Heute ist im Dorf eine Hochzeit, den ganzen Tag wir im Haus des Bräutigam gefeiert und das ganze Dorf ist dabei. Nach dem Abendessen werden wir auch zu einem Tee eingeladen und dürfen den traditionellen Tänzen beiwohnen.

Die letzte Nacht in Taghia. Auch heute geniesse ich vor dem Schlafengehen noch eine Weile den Sternenhimmel. Wir sind weit weg von größeren Lichtquellen und die Luft ist trocken und klar. Dementsprechend beeindruckend ist der Sternenhimmel.

Wir sund nun schon einige Tage hier und haben uns unsere Finger wund geklettert. Wir brauchen dringend eine Pause und wollen wie geplant den Rasttag nützen um von Taghia nach Todra zu Wandern. Dort wollen wir noch ein paar Tage Sportklettern ehe wir wieder zurückreisen. Am Morgen packen wir unser Hauptgepäck auf einen Esel und verabschieden uns von unseren Freunden aus Taghia. Um nach Todra auf den Südausläufern des Hohen Atlas zu gelangen müssen wir diesen überschreiten. Eine Nacht verbringen wir bei Nomaden, die auf halber Strecke auf einer Alm verweilen.

Unser Guide ist Abdellah aus Taghia. Trotz moderner Kleidung und aufgeschlossenem Geist ist sein Berber-Ursprung unverkennbar. Er ist stolz zu Marokko’s ursprünglichen Volksgruppe zu gehören, sie selbst nennen sich Amazigh, was “freie Menschen” bedeutet. Die “Araber”, wie er die Nachfahren der arabischen Einwanderern ab dem 8. Jh nennt mag er nicht. Berber haben eine eigene Sprache und Schrift und wurden lange von den herrschenden “Arabern” unterdrückt. In den letzten Jahren geht es immer besser. Abdellah schmink sich noch ganz traditionell die Augen mit “Kohl”, eine Art eyeliner.

Zwei Familien Berber Nomaden leben im Sommer mit ihren Ziegen und Schafen hier. Sie freuen sich über unseren Besuch und scharen sich neugierig um unser Camp. Wir kaufen Hamid (grünes Kopftuch) eine Ziege ab, um sie zum Abendessen zu braten. Sein Sohn Ibrahim hat im Gegensatz zu uns schon oft eine Schächtung gesehen. Während wir gebannt zuschauen wie Abdellah mit einfachsten Mitteln geschickt die Ziege ausnimmt, ist Ibrahim viel mehr an uns Exoten interessiert.

Endlich ist es so weit, wir sitzen um das Feuer und lassen uns die Ziege schmecken. Dann gehen wir früh schlafen, ganz früh am nächsten Morgen geht es weiter nach Todra, unser nächstes Ziel.

Todra ist eines der ältesten Klettergebiete Marokkos. Eine mehrere Kilometer lange Schlucht windet sich durch die Ausläufer des Atlas Gebirge, gesäumt von super Kletterwänden. Im starken Kontrast zu den Bergrücken steht das satte Grün der Gärten und Palmenheine im Talboden. Einige Minuten Gehzeit vor dem Schluchteneingang befindet sich das Dorf Todra mit vielen Unterkünften. Von dort sind die meisten Klettergebiete zu Fuss leicht erreichbar.

Todra ist vor allem fürs Sportklettern bekannt, es gibt aber auch ein paar schöne Mehrseillängentouren. Aldo und Daniele geniessen den Blick über die Schlucht vom Ende des Klassikers “Le Pilier du Couchant”, 8SL, 6b.

 

Der Fels der Todra Schluch ist erstklassiger Kalkstein, sehr rau und aggressiv. Vor allem in den Platten muss man direkt fingerschonend Klettern. In den Überhängen ist es angenehmer und man kann an super Löcher und Rissen klettern. Wolfi in “Ensalada Metallica”, eine der schönsten 7a+ der Schlucht.

 

Abdul Fadili ist Kletterguide in Todra und ein guter Freund. Er ist einer der wenigen Marokkaner die klettern – noch. Vor allem unter den Jugendlichen guter Familien von Marrakesh und Casablanca werden Abenteuersportarten immer beliebter. Abdul schätzt dass er in ein paar Jahren gleich viel Marokkaner wie “Westler” das Klettern näher bringen wird. Nach ein paar Tage in Todra sind unsere Fingerkuppen definitiv aufgebraucht. Auch unsere Zeit in Marokko geht zu Ende. Sieben Stunden Fahrt mit dem öffentlichen Bus bringen uns über das Atlas Gebirge zurück nach Marrakesch.

 

 

Die Madrasa Ben Youssef in der Altstadt von Marrakesh ist ein wunderschönes Beispiel islamischer Architektur. Jahrhundertelang war dieses Gebäude eine Koranschule, jetzt ist es Ausstellungsraum und Museum. Weiters kann man in Marrakesch noch einen Königspalast und mehrere Gärten besichtigen.

Den letzten Tag in Marrakesh verbringt man am besten im Souk, den großen Markt. In den verwinkelten Gassen findet man so ziemlich alles, am Besten natürlich marokkanische Souvenirs. Bei Sonnenuntergang schliessen die Läden und dafür öffnen auf dem Hauptplatz kleine Straßenküchen an denen man mit wenig Geld noch ein letztes Mal die berber Küche genießen kann. Ich denke zurück an unseren Ziegenbraten bei den Nomaden, unter dem sternenklaren marokkanischen Nachthimmel.

Bei einem letzten Glas Minztee lassen wir die Erlebnisse der letzten Tage revue passieren und schmieden schon Pläne für die nächste Kletterreise nach Marokko!

 

Luca De Giorgi, Dezember, 2018.

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com