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Geschrieben am: 10/09/2019

Calanques, aber bitte leicht und lohnend!

Auf meinen Vorschlag hin demnächst einen Kletterurlaub zu machen antwortete meine Freundin mit: “Ja, aber nur wenn es am Meer ist und es dort leichte und schöne Mehrseillängen Touren gibt!” Super, dachte ich mir, das ist die perfekte Gelegenheit mir die Calanques bei Marseille anzuschauen, dort wollte ich immer schon mal klettern.

Gesagt, getan. Anfang Juni fuhren wir mit Kletter- und Campingausrüstung voll bepackt in den Süden und quartierten uns im Camping Les Cigales in Cassis ein. Dieses Hafenstädtchen liegt malerisch zwischen den Felswänden eingebettet und ist um einiges ruhiger als die Millionenstadt Marseille. Es liegt in der Mitte der Calanques und ist somit die ideale Basis für einen Kletterurlaub.

Im Juni ist es eigentlich schon zu warm um in den Calanques zu klettern, die meisten Wände sind einen Großteil des Tages der Sonne zugewandt. Außerdem ist im Sommer der Badetourismus voll im Gange, was sich bei den oft wenigen Parkplätzen spürbar auswirkt. Im Sommer sind auch viele Zugangsstraßen gesperrt, was die Zustiegszeiten erheblich erhöht. Nichtsdestotrotz ist es mit zeitigem Aufstehen und sorgfältiger Routenwahl möglich einen angenehmen Klettertag zu genießen. Dementsprechend waren wir, zur Freude meiner Freundin, meistens wieder früh zurück und hatten noch viel Zeit für den Strand und das Meer.

Die Felsenküste der Calanques erstreckt sich über 30km von Marseille nach Osten zu La Ciotat. Ein Gewirr aus Felswänden, Klippen, Buchten und kleinen Stränden birgt genug Klettergärten und Mehrseillängentouren für ein ganzes Kletterleben. Geklettert wir meistens auf Kalk, wobei es auch einiges im Sandstein und Konglomerat gibt. Meiner Freundin war es wichtig leichte aber möglichst aussichtsreiche Mehrseillängentouren zu klettern. Ich hingegen wollte auf allen drei Gesteinsarten klettern und mir, im Hinblick auf zukünftige Kletterurlaube, einen Überblick über das Kletterpotenzial der Calanques machen.

Im Folgenden möchte ich einige Sektoren und Touren vorstellen, die uns am besten gefallen haben.


CAP CANAILLE – “Ouvreur de Bouse”, 6a+, 5SL, 150m

Vom Camping in Cassis klar ersichtlich ist der imposante Felsriegel des Cap Canaille. Auffallend rötlich leuchtet der Fels beim Sonnenuntergang. Ein Besuch der Calanques ohne auf dem Cap Canaille geklettert zu haben ist schlicht undenkbar. Schon allein des Felsens wegen ist eine Tour dort höchst empfehlenswert. Die Wand besteht aus übereinander gelagerten Schichten von Sandstein, Konglomerat und Kalkstein, vor allem die bizzarren Formen des Sandsteins sind phantastisch zu klettern. “Ouvreur de Bouse” ist eine der leichtesten Touren des Caps, der ideale Einstieg in diese phantastische Sandsteinwand.

 


EN VAU – “La Saphir”, 5c, 6SL, 180m

En Vau ist wahrscheinlich die bekannteste Bucht der Calanques. Malerisch blau und grün leuchtet das Meer zwischen den Felswänden des Fjords hervor. Dementsprechend gut besucht ist der Strand von Badetouristen, nichtsdestotrotz zahlt sich eine oder zwei Touren auf den Felsen um der Bucht aus. Die Aussicht ist umwerfend und die gute Stunde Zustieg ist bald vergessen. In der Bucht gibt es zahlreiche leichte und mittelschwere Touren, wir haben uns für “La Saphir” entschieden, da der Zustieg am leichtesten und die Aussicht am lesten ist.

 

 

 

SORIMOU – “Melody”, 5c, 6SL, 170m

Sorimou ist ein wunderschöner Fjord im Westen von Cassis. Wenn man früh genug dran ist, kann man mit dem Auto bis zum Parkplatz direkt am Strand fahren, sonst fallen 40 Minuten mehr Zustieg an. Auf dem Cap Sorimou findet man eine große Auswahl an Mehrseillängentouren in exzellentem Kalk. Besonders interessant ist, dass man oft über die Tour bis knapp übers Meer abseilt um die Linie dann wieder hochzuklettern. Diese Ecke der Calanque ist weit weg von den großen Stränden und dem Rummel, beim Klettern hat man lediglich das Rauschen der Brandung unter sich im Ohr.

 

 

CALANQUE DE FIGUEROLLE – Verschiedene Touren

Etwas ganz Besonderes ist die Calanque de Figuerolle, denn hier wird im Konglomerat geklettert. Polierte Steine in Kieselstein- bis Kopfgröße stehen von der Wand hervor und sorgen für ein außergewöhnliches Klettererlebnis. In diesem Gebiet gibt es einige Sportkletterrouten, die ideal zum aufwärmen sind, und einige kürzere Mehrseillängentouren. Die Grade sind wegen der wenigen senkrechten oder gar überhängenden Stellen eher leicht, trotzdem macht es wegen der Felsbeschaffenheit großen Spaß hier zu klettern.

MIT DEM KANU AUF DER ARDECHE

Um den Urlaub in Südfrankreich abzurunden unternahmen wir am Ende noch etwas ganz anderes. Etwa zwei Stunden Fahrt nördlich von Marseilles windet sich der Ardeche Fluss durch eine 30 Kilometer lange Schlucht. Bis auf wenige Stellen fließt das Wasser ruhig dahin und es ist auch für Anfänger wie uns möglich diese Strecke mit dem Kanu zu befahren. Früh am Morgen trafen wir beim Bootsverleih ein und ließen uns das Kanu und die Ausrüstung geben. Eine junge Frau erklärte uns die wichtigsten Details und wie wir die fünf Stromschnellen am Besten überwinden konnten. Da wurde uns dann doch etwas mulmig zumute. Schlussendlich kam es dann nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Die Stromschnellen machten Spaß und die Landschaft war einfach umwerfend. Nach sechs Stunden paddeln, schwimmen, sonnenliegen und staunen kamen wir wieder in der Zivilisation an, schade!

Nach etwas mehr als einer Woche war der Urlaub leider schon vorbei, doch wir haben jeden Klettermeter genossen. Selbstverständlich haben auch das Mittelmeer und die französische Küche zum Erfolg der Kletterreise beigetragen. Au revoir, Calanques!

 

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com