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Geschrieben am: 10/12/2019

5x Kirgistan

Kirgisistan? Als ich vor zwei Jahren zu einer Reise in dieses Land eingeladen wurde, musste ich erst mal Wikipedia zu Rate ziehen. Einige Sekunden später die Antwort: Es liegt an den Nord-Ausläufern des Himalaya Gebirge zwischen China, Usbekistan, Tajikistan und Kasachstan. Ich las von einem kleinen Land in den Bergen, das zu drei viertel auf über 3000m liegt, von einer sowjetischen Vergangenheit, einer ausgeprägten Nomadenkultur und großem Wanderpotenzial. Ich sagte zu.

Mittlerweile war ich drei Mal in Kirgisistan, denn es ist ein wunderbares Land zum Wandern, Reiten und Bergsteigen.

Hier sind fünf Gründe warum es sich Lohnt nächsten Sommer nach Kirgisistan zu reisen:

1. DIE WILDEN BERGE

Nur sechs Millionen Menschen leben in diesem Land, das ein Drittel kleiner ist als Italien. 94% der Landesfläche ist gebirgig und 30% ist von Gletschern und Schneefeldern bedeckt. In Mehrtageswanderungen lässt sich die ganze raue Schönheit dieser Berge erleben. Nur einige wenige Gipfel und Seen sind touristisch erschlossen und trotzdem wenig besucht. Grundsätzlich kann man in Kirgisistan überall wandern. Wir haben uns auf Google Earth eine Route zu einer Gruppe von Bergseen ausgesucht und sind einfach drauf los gegangen. Meist waren wir alleine unterwegs, wir haben nur manchmal Hirten mit ihren Herden getroffen. Wer es lieber etwas komfortabler hat kann für wenig Geld Guides und Pack- oder Reitpferde anheuern. Egal wie: für all jene, die es genießen die Berge für sich alleine zu haben ist Kirgisistan genau richtig.

 

2. DAS JAILOO

Die Kirgisen waren einst ein Nomadenvolk. In der Zeit unter sowjetischer Besatzung wurde die Bevölkerung zu einer sesshaften Lebensweise gezwungen, seit der Unabhängigkeit 1991 leben viele Kirgisen wieder als Halbnomaden. In jeder Großfamilie gibt es einige Männer und Frauen, die im Sommer die Schafe, Ziegen und Pferde der ganzen Verwandschaft auf die Hochalmen treiben. Jailoo heißen die Weiden, auf denen je nach Höhenlage bis zu fünf Monate gelebt wird. Neben den Bächen reihen sich die Jurten in losen Verbänden. Gastfreundschaft ist in diesem Land kein hohles Wort. Als Fremder ist es unmöglich vorbei zu wandern, ohne auf eine Tasse Tee oder ein Glas Stutenmilch eingeladen zu werden. Die Menschen sind neugierig und mit Hilfe von Händen, Füßen und Google Translate ist es gar nicht so schwer sich zu verstehen. Am Besten erlebt man das Jailoo-Leben indem man einige Tage von Alm zu Alm wandert, zu Fuß oder auf Pferderücken. Dabei kann man bei einer Familie zu Gast in der Jurte übernachten oder in der Nähe sein eigenes Zelt aufschlagen.

 

3. NOMAD GAMES

Die Nomadenkultur mit ihren Traditionen wird seit der Unabhängigkeit stark gefördert. Die Regierung will eine postsowjetische nationale Identität schaffen und gleichzeitig das Land touristisch attraktiver gestalten. Kunsthandwerk, Feste und Traditionen, wie die Adlerjagd, die während der sowjetischen Besatzung in Vergessenheit gerieten, leben wieder auf. Am Südufer der Issy Kul Sees treffen wir zwei Adlerjäger, die uns diese traditionelle Jagdmethode vorführen. Sie trainieren für die Nomad Games, ein jährliches Fest, bei dem Mannschaften der verschiedenen zentralasiatischen Länder in mehreren Wettbewerben gegeneinander antreten.

 

4. DIE RUSSISCHE VERGANGENHEIT

Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1991 war Kirgisistan unter russischer Kontrolle. Spuren dieser langen Besatzung sind allgegenwärtig, vor allem aus der sowjetischen Zeit. Obwohl die jüngeren Generationen zunehmend Englisch lernen ist Russisch immer noch weit verbreitet. In Karakol, ursprünglich eine Garnisonsstadt des Zarenheeres, ist eine wunderschöne orthodoxe Kirche aus Holz erhalten. Ähnliche Bauwerke findet man in vielen Orten mit einer längeren russischen Vergangenheit. Noch faszinierender finde ich die architektonischen Relikte der sowjetischen Zeit. Die monumentalen Denkmäler, grauen Plattenbauten und verlassenen Industriekomplexe der Städte stehen im starken Kontrast zu den bescheidenen Behausungen auf dem Land.

 

5. EINFACH UND SICHER

Kirgisistan hat sich erst vor wenigen Jahren geöffnet. Das Land hat das Glück keine großen kulturellen Stätten, Strände oder sonstige Magnete für den Massentourismus zu haben. Stattdessen wird ein sanfter Aktivtourismus in den Bergen gefördert. Erster Ansprechpartner für jeden Reisenden sollte das CBT (Community Based Tourism) Netzwerk sein. Jedes größere Dorf besitzt ein solches Büro, das ohne Gewinnabsicht Zimmer bei Familien, lokale Guides, Transporte und sonstige logistische Unterstützung für Wanderer, Trekker, Bergsteiger und Pferdeliebhaber vermittelt.

Westliche Besucher sind abseits der wenigen bekannteren Wanderrouten immer noch eine Seltenheit und gerne gesehen. Wir sind stets freundlichen und hilfsbereiten Menschen begegnet. Kriminalität ist außerhalb der größeren Städten nicht vorhanden, lediglich in den Grenzregionen ist Vorsicht geboten.

Eine Reise mit Schwerpunkt Wandern ist sehr kostengünstig zu organisieren. Der größte Kostenpunkt ist der Flug (300-500 Euro). Einmal im Lande sind die Ausgaben für die einfachen Unterkünfte bei Familien, Verpflegung und Organisation der Wanderungen überschaubar. Gute Ausgangspunkte für alle die zum ersten mal nach Kirgisistan reisen sind Karakol, Kotchkor oder Osh.

Die beste Jahreszeit ist der Sommer, wenn es am wärmsten ist und man schneefrei bis auf über 4000m wandern kann. Ambitionierte Bergsteiger können in Kirgisistan einen der leichtesten 7000er, den Peak Lenin besteigen.

 

Autor: Luca De Giorgi

Wanderführer, Fotograf und leidenschaftlicher Bergsteiger, den es immer wieder in fremde Länder zieht. Als Kletterer im Südtiroler Alpenverein bei den Jungen Alpinisten groß geworden, absolvierte er später die Ausbildung zum Tourenleiter. Arbeitet für eine Bozner Reiseagentur, für die er Wanderwochen in und außerhalb Europas leitet. In seiner Freizeit zieht es ihn zum Klettern und Trekken in die Berge, je entlegener und fremder das Ziel, desto besser. Zu seinen Lieblingsdestinationen zählen Marokko, Vietnam und Kirgisistan. www.lucadegiorgi.com